Teilnehmer/innen des Europa-Projektes 2012/2013 haben unter Leitung der engagierten Geschichtslehrerin Ulrike Bühl einen Film mit dem Titel » Ein Koffer für Europa « verfasst, für den sie den 1. Preis erhielten! Der Film wurde bei unseren Partnerschulen in Liberec, Reigate und Saint Brieuc und, im Rahmen des »Euregionalen Industrie- und Handwerkprojektes 2012/2013«, in Aachen, Köln, Maastricht und Lüttich gedreht. Der informative AZ-Artikel und aufschlussreiche Film (s.u.) verraten mehr .....Kompliment an alle Beteiligten für diese überzeugende Projektleistung! N. Weitz 

 

 

Keine Spur von Frust im „Koffer für Europa“

Aachen. Wie ist Europa? Wie soll Europa sein? Darüber entscheidet die Politik in Brüssel, darüber entscheidet die wirtschaftliche Großwetterlage, darüber entscheiden nicht zuletzt aber 500 Millionen Europäer – jeden Tag. Die Blickwinkel, die Einstellung junger Menschen aus der Region Aachen zu diesem Thema wollten die sechs Rotary-Clubs aus der Städteregion und unsere Zeitung als Medienpartner kennenlernen.

 

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Aufmerksame Zuhörer: Die Teilnehmergruppen am Jugendwettbewerb „Ein Koffer für Europa“ lauschen den einführenden Worten von AZ/AN-Chefredakteur Bernd Mathieu. Auf dem Tisch im Vordergrund der kleine bunte Koffer der Gewinnergruppe vom Pius-Gymnasium in Aachen mit einem selbstdesignten „Ein Koffer für Europa“-Logo. Fotos (4): Harald Krömer

 

Deswegen haben sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Mehr Europa wagen“ den Jugendwettbewerb „Ein Koffer für Europa“ gestartet. Eine Jury aus Rotariern und Journalisten wählte die Preisträger für die ersten drei Plätze aus. Bei einer Feierstunde im Pressehaus-Casino des Zeitungsverlags Aachen sind sie für ihre Beiträge geehrt worden.

„Europa hat nur eine Chance, wenn wir die Jugend dafür gewinnen – denn sie ist unsere Zukunft. Dieser Wettbewerb trägt dazu bei“, erklärte Professor Max Kerner, bekannter Aachener Historiker, Rotarier und einer der Organisatoren des Wettbewerbs, beim Eröffnungstalk mit Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung. Zwar ein wenig enttäuscht über die knappe Zahl an Einsendungen – 24 waren es insgesamt –, zeigte sich Mathieu dennoch erfreut über die sehr qualifizierten Beiträge der Teilnehmer. Denkbar war vieles – alles eigentlich. In welcher Form die Teilnehmer ihre Idee mit Leben füllen wollten, lag bei ihnen ganz allein.

 

Den Koffer gibt es wirklich

Alle drei Teams waren vom Titel des Wettbewerbs inspiriert: Sie hatten tatsächlich einen Koffer in ihr Konzept integriert.

Das kleine bunte Exemplar der Gewinner vom Pius-Gymnasium in Aachen hatte Lehrerin Ulrike Bühl mitgebracht. Sie war es auch, die mit der Idee der Rotarier an die Klasse herantrat. „Die Jugendlichen haben keinen Moment gezögert“, erinnert sich Bühl. Die 22 Schüler haben ein umfangreiches Videoprojekt für den Wettbewerb gestartet. Den Beginn markiert eine Frage, die im Video nach Beethovens 9. Sinfonie, der Hymne der Europäischen Gemeinschaft, „aus dem Off“ zu hören ist: „Was verbinden wir und andere Menschen mit dem Begriff Europa?“ Eine Antwort sollten die Europäer selbst geben.

„Fühlst du dich wie ein Europäer“, lautet die Frage an einen Franzosen – in Landessprache selbstverständlich. „Oui“, erwidert er trocken. „I feel more ‚European‘ than anything else“ (Ich fühle mich vollkommen als Europäer), weil er mit seiner Familie oft in Europa unterwegs sei, erklärt ein Junge in Schuluniform aus England. Für einen tschechischen Jungen spielt die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg eine besonders wichtige Rolle, erzählt er auf Deutsch. Und die Deutschen selbst? Auch sie kommen im Beitrag der Pius-Gymnasiasten zu Wort. So wie ein Kölner, der sagt: „Wir sind in der Mitte Europas, und wir sollten froh sein, dass ringsherum nur noch Freunde statt Feinde sind. Wir müssen zusammengehören.“

Vorstellungen, Erfahrungen und Kritik sind auf der DVD im Koffer gesammelt, die Euregio ist als europäischer Flecken gewürdigt worden. Bei der Arbeit am Projekt stellten nicht nur die Entfernungen zu den größeren Städten der Umgebung eine Hürde für die jungen Menschen dar. Vor allem die Interview-Erfahrung auf der Straße ist ihnen im Gedächtnis geblieben. In Maastricht habe man unproblematisch Gesprächspartner auf der Straße gefunden. In Köln sei das aber schon schwieriger gewesen, weil die Menschen misstrauisch gewesen sind. In Lüttich stand vor allem die französische Sprache im Weg.

Hat Lehrerin Ulrike Bühl nach all der Arbeit mit so einem Ergebnis gerechnet? „Ich hatte schon den Eindruck, als ich das Ergebnis gesehen habe, dass es ein sehr reflektierter und qualitativ hochwertiger Film ist, den die Schüler gedreht haben“, sagte sie. Schüler Luca pflichtete ihr bei: „Als das Ergebnis feststand, waren wir positiv überrascht.“ Bühl freut sich auf das besondere Ereignis, das die Schüler erwartet. Eine Reise wird der Lohn für die Mühen des Grundkurses Geschichte der Jahrgangsstufe 10 vom Pius-Gymnasium sein. Etwas, das man nicht kaufen kann: Sie werden auf Einladung des Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, nach Brüssel fahren.

 

Treffen mit einem EU-Symbol

Dieser Preis passe hervorragend zur Unterrichtsreihe über die EU, erklärte Bühl, und es sei wirklich „schön, dass die Schüler das vor Ort noch einmal nachvollziehen können“. Das findet auch Luca: „Ich glaube, dass wird schon eine interessante Begegnung mit Martin Schulz. Das ist ja schon ein Politiker von Weltrang und ein Symbol für die EU.“

Von Europa-Frust war bei den Jugendlichen – egal von welcher Schule sie kamen – nichts zu spüren. Im Gespräch vermittelten sie eher den Eindruck, der „Koffer für Europa“ habe eine Europa-Lust entfacht. Valentin, Schüler am Inda-Gymnasium in Aachen: „Alle reden immer von Europa, erzählen von Toleranz und Zusammenhalt, aber erst wenn man solche Erfahrungen wie in diesem Projekt selber sammelt, kann man sich als Europäer fühlen.“

Den dicken Schlagwort-Hammer – „Protektionismus“ oder „Festung Europa“ etwa – ließen die Teilnehmer nicht kreisen. Für die Zweitplatzierten vom Inda-Gymnasium in Aachen stand die Frage nach den Werten, dem Verhalten, die sie in Europa sehen und – mindestens genauso wichtig – die sie nicht in der Union haben wollen, im Zentrum ihrer Arbeit. Das Mittel der Wahl für die Comenius-Gruppe der 9b: ein Video und ein Plakat. Im Video wird eine Zollkontrolle nachgestellt. Was die Kontrolleurin im Koffer des Einreisewilligen findet, unterscheidet sich von herkömmlichem Reisegepäck. Es sind beschriebene Karten, die mit in die EU gebracht werden sollen. Die Einfuhrkontrolle aber greift: Wirtschaftliche Vorteile, Jugend und Toleranz dürfen passieren – Krisen, Rassismus und Krieg bleiben draußen. Überraschend: Sogar ein Hauch europäischer Politik ist dank des Interviews mit der Europaabgeordneten Sabine Verheyen im Video zu spüren.

Nicht übereinander, sondern miteinander reden müsse für die Menschen der europäischen Staaten Prämisse sein, forderte Professor Kerner. Die Filme der Jugendlichen transportierten genau das. Sie zeigten exemplarisch, so der Wissenschaftler, „wie man das macht“.

Die Gruppe des Berufskollegs für Wirtschaft und Verwaltung in Aachen hatte zuerst auch überlegt, ihre Idee in Bewegtbildern umzusetzen. Entschieden haben sie sich aber schließlich für etwas Greifbares: einen besonders gestalteten Koffer. Ins Auge springen Spritzen, die mit Geldscheinen gefüllt sind. Sie kleben auf der Außenhaut des Koffers. „Finanzspritzen für Europa“, verraten die Schüler auf Nachfrage von Bernd Mathieu. Und die Verbände? Sind Symbol für Erste Hilfe, um offene Wunden der EU zu versorgen. Die könne – man denke an Mitgliedsstaaten am Rande des Bankrotts – niemand abstreiten. Mit dem Bild zeigen die Berufsschüler, dass Zusammenhalt sogar in finanzieller Hinsicht für sie mit in den „Koffer für Europa“ gehört.

 

Männer schreiben Gedichte

Überzeugt hat die Jury auch der Inhalt des Koffers. Eine Mappe etwa, die das Ergebnis einer Umfrage enthält. 200 Menschen hat die Gruppe befragt. „Ich habe festgestellt, dass sich die Jüngeren wesentlich besser mit Europa auskennen als die älteren Generationen, die in ihren Ansichten manchmal etwas festgefahren sind“, sagte Ramona. Ein besonderer Bestandteil des Beitrags der Berufsschüler war Lyrik. Gedichte, die ausschließlich von männlichen Teilnehmern in der Gruppe verfasst wurden. Wie dieses von Shazheb über den Kontinent Europa: „Wir sind einer von Sieben, befreit von den Kriegen; wir haben vieles verloren, vieles gewonnen, doch heute genießen wir den Frieden.“

Die beiden zweitplatzierten Gruppen erhalten jeweils 250 Euro für die Klassenkasse und eine Einladung zum Jugendkarlspreis, der am 7. Mai in der Aula der RWTH stattfindet. Mathieu und Kerner sind sich bezüglich der besonderen Bedeutung des Jugendkarlspreises einig: Dort werde Europa, wie auch bei diesem Wettbewerb, aus der Sicht junger Leute gezeigt, und es kämen andere Ideen auf als nur politische. Ideal geeignet als Preis bei diesem Wettbewerb.

Exemplarisch kann das Fazit der betreuenden Lehrerin der Berufsschulgruppe, Irene Geneger, für den Wert von „Ein Koffer für Europa“ stehen: „Machen Sie weiter mit dem Wettbewerb, ist meine Bitte an die Rotarier und die Zeitung, verstetigen sie es, denn es schärft den Sinn für die Vorteile der EU“.