Europäisches Mythen- und Sagenprojekt + Europa-Highlights 2014 / 2015 in Aachen

Europäisches Mythen- und Sagenprojekt + Europa-Highlights 2014 / 2015 in Aachen

Mythen und Sagen sind Gedankenexperimente, um sich dem Sinn des Lebens anzunähern und Menschen und Kulturen besser zu verstehen. Insofern hatte unser diesjähriges Europa-Projekt nicht nur eine historisch-literarische, sondern durchaus auch eine politisch-soziale Dimension. Und letztere zeigte sich bereits am Abend des 25.1.2015 bei der Aktion »Aachen steht zusammen«: 1000 Kerzen für den Frieden auf dem Katschhof – eine Demonstration von Bürgern, Religionsgemeinschaften und Politik für ein friedliches Miteinander der Kulturen und Religionen - gegen Intoleranz, Rassismus und Gewalt. Und die über hundert Projekt-Teilnehmer/innen und Gasteltern waren dabei.


Der Montag- und Mittwochmorgen ist traditionell für die etwas mehr als einstündigen »Impulsvorträge« reserviert. Mit Regina Sommer, die seit 1997 das jährlich in Aachen stattfindende internationale Erzählfestival »Zwischen-Zeiten« veranstaltet und bei internationalen Erzählfestivals in ganz Europa, den USA und Kanada auftritt, erlebten die Projektteilnehmer/innen eine Expertin im Storytelling, die die Mythen und Sagen nicht nur als Erzählgut lebendig werden ließ, sondern auch ihre Symbolik anschaulich erläuterte.


Um den Aachener zu verstehen, muss man den Ort seiner Herkunft kennen. Wer in Aachen lebt, kommt natürlich ständig mit der Geschichte Aachens in Berührung. Aber die geschichtlichen Tatsachen werden häufig durch Mythen, Sagen und Legenden überliefert, die in der Kindheit aufgenommen werden. Mit Herbert K. Oprei hatten wir einen Thouet-Mundart-Preisträger der Stadt Aachen zu Gast, und sein Vortrag » Öcher Sage än Lajännde - Aachener Mythen, Sagen und Legenden« sorgte bei den Zuhörern für sehr viel Heiterkeit, aber auch Nachdenklichkeit.


Am Montag, Mittwoch und Freitag finden bei uns morgens die Europa-Workshops statt. Workshop I, unter der Leitung von Norbert Gier und Renata Šipová, setzte sich mit dem Thema »Sagenhafte Comics« auseinander. Der Workshop befasste sich mit regionalen Sagenhelden der drei Partnerstädte, mit der zeichnerischen Entwicklung von Comicfiguren und dem Verfassen von kleinen, witzigen Erzählzusammenhängen. Norbert Gier sorgte dafür, dass die europäischen Schüler/innen beim kreativen und konzentrierten Zeichnen und Schreiben viel Spaß hatten.


»Rübezahl und Dr. Faustus zu Gast bei Karl dem Großen« hieß der Workshop, der von Harald Eckstein und Karin Liebich geleitet wurde. Die Sagen um Karl den Großen sowie der »Mythos Karl« standen im Zentrum des Interesses, wobei die Karlsagen durch eigene kreative Schreibversuche modernisiert wurden bzw. es zu literarischen Neuschöpfungen kam, so z.B. ein Treffen zwischen Karl und Dr. Faustus im Ratskeller, eine Begegnung zwischen Karl und Rübezahl im dunklen Tann, etc. Harald Eckstein, der den Workshop akribisch vorbereitete und dessen Elan und Phantasie offenbar keine Grenzen gesetzt sind, war der Garant dafür, dass die Teilnehmer/innen viel Freude an der Materie bekamen.


In Leipzig hatte sich die Europa-Truppe mit dem jungen Wagner auseinander gesetzt. Eine Führung durch die Oper und der Besuch einer Wagner-Ausstellung standen auf dem Programm. »Wagners Ring im Rahmen von Mythen und Sagen« lautet das Thema des Workshops, den Dieter Gillessen als erfahrener Vollblutmusiker leitete. Die Beschäftigung mit der Mythologie von Wagners Hauptwerk »Der Ring des Nibelungen« war anspruchsvoll und richtete sich an musikalisch interessierte Schüler/innen, die sich mit dem komplexen Inhalt des Ringes und deren musikalischen Umsetzung auseinander setzen wollten.


In allen Kulturen leben die Theaterstücke von den Mythen, Sagen und Legenden. Es ist eine faszinierende, anregende, sinnliche, aufregende, aber oft auch bedrohliche und beängstigende Welt der Imagination, die zum zentralen Bezugs- und Orientierungspunkt der Bühnenkunst wird. »Mensch - Mythen - Sagen im schöpferischem Theaterspiel« lautete deshalb das Thema von Workshop IV unter der Ägide von Herrn Weitz. Nach der kreativen Umsetzung von Improvisationstheater-Themen widmeten sich die Teilnehmer der künstlerischen Umsetzung einer zentralen Szene des im Jahre 425 v. Chr. in Athen aufgeführten Dramas »König Ödipus« von Sophokles.


»Der Dom zu Aachen - oder wie die Aachener den Teufel überlisteten …«, hieß es themengerecht, m.a.W., es standen der Besuch und die Besichtigung eines der bedeutendsten Baudenkmäler Europas, des Aachener Doms auf dem Programm. Wie immer empfing uns Domkapitular Hans-Günther Vienken im Oktogon und fand als rhetorisch geschulter Theologe die richtigen Worte zu unserem Leitthema. Es folgten parallel zwei horizontale und zwei vertikale Dom-Führungen, letztere wahre Live-Performances in sagenhafter Höhe, bei denen die Turmkapellen, das Oktogon und die Chorhalle von oben gesehen wurden. Fürwahr eine schweißtreibende Angelegenheit für H.-G. Vienken und Tim Paulina, - im Gegensatz zu den tschechischen Schüler/innen, die sich über Aachen mehr als wohl fühlten.


Und zwischendurch immer wieder eine Stärkung, sei es im »Café Alfredo« am Montag- und Mittwochmittag beim gemeinsamen Mittagessen, zu dem alle Projekt-Teilnehmer/innen eingeladen wurden, oder bei der »Europa-Konferenz« im Zollhaus, wo auf dem kurzen Dienstweg alles bei heiterer Geselligkeit besprochen wurde.

Zu jedem Europa-Projekt gehört ein Besuchs- und Besichtigungsprogramm, das sich an die jeweilige Leitperspektive anlehnt. »Mythen und Sagen in Köln: Heinzelmännchen, Gryn und Griet« sowie »Mythos Sport: Sportlich-aktiv bei einer Zeitreise durch das Deutsche Sport & Olympia-Museum Köln« hießt es unter Leitung von Arno Kreus in der rheinischen Metropole. Unter der Leitung von Helmut Tank ging es nach Bonn: »Mythos Kelten im Rheinland - Macht und Mächte« sowie »Mythos Mauerfall: Vom Kalten Krieg zur Wiedervereinigung« hießen die von den Schülern viel gelobten Führungen im LVR Landesmuseum und Haus der Geschichte Bonn. Wegen der relativ großen Gruppen wurden jeweils zwei Busse gechartert, die es zu finanzieren galt …


»Zwischen Mythos und Realität« lautete der etwas provokante Programmtitel zum Empfang der Schüler/innen aus Liberec, Leipzig, und Aachen im Weißen Saal des Rathauses durch unseren Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp. Der OB vereint in seiner Person absolute Kompetenz und jugendliche Lockerheit, wie es das aussagekräftige Foto eindeutig belegt.


Der letzte Programmtag, der Freitag, ist stets der anstrengendste: Die Projektergebnisse müssen auf den Punkt gebracht und vorgestellt werden, die Pressekonferenz mit dem obligatorischen Gruppenfoto steht an, und und und …

Und dann heißt es wieder Abschied nehmen: Man umarmt sich, unter den aufmerksamen Blicken von Karin Liebich und Harald Eckstein, und hier und da, wenn der europäische Funke zwischen Aachener und Leipzigerin übergesprungen ist, sieht man sich sogar sehr bald wieder …


Aber auch die Liberecer, kaum dass sie abgefahren sind, geben sich schnell wieder ein Stelldichein. Adriana Lejsková, Jan Fabini, Lukáš Marek und Vasil Burak, vier sympathische Schüler/innen, waren vom 7. – 28. März 2015 im Unterricht der EF und wurden von der Stufe bestens integriert und von allen FachkollegInnen hervorragend betreut. Herzlichen Dank auch an unseren Oberstufenkoordinator Thomas Kreutz für die Erstellung der Stundenpläne. Und natürlich entsteht, auch für die Jahresschrift des F.X. Šaldy-Gymnaziúm, ein Abschlussfoto …


… und vier weitere Gastschüler/innen, diesmal aus Saint Brieuc, sagten sich an und kamen im Rahmen des deutsch-französischen Brigitte-Sauzay-Programms von 12.5. – 26.6.2015 ans Pius. Das bekannte Programm des DFJW beruht auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit, es werden keine Vermittlungs- oder Verwaltungsgebühren erhoben, somit ist es weitgehend kostenneutral. Es gibt keinen individuellen Austausch, der günstiger ist. Unsere Schüler/innen werden übrigens vom Ende der Sommerferien bis zu den Herbstferien den Unterricht in der »Groupe Scolaire Saint Charles-La Providence» besuchen, und sie freuen sich bereits darauf.


Europa lebt von Austausch, Verständigung und Begegnung, und es gibt wohl kein besseres Heilmittel gegen Renationalisierungstendenzen und Europa-Verdrossenheit als die strahlenden Gesichter von jungen Europäern, die Intoleranz, Vorurteile und Diskriminierung weit hinter sich gelassen haben.


Norbert Weitz